Letztes Jahr an Heiligabend war es wieder soweit:
Ich saß in der Bank einer Kirche, die ich bisher nicht kannte.
Ich bestaunte die zahlreichen Lichter und fragte mich, wie sie die wohl in der beachtlichen Höhe des Kirchenschiffs angebracht hatten.
Vertraute Lieder wurden gesungen, auf die ich mich jedes Jahr freue. Sie begleiten mich seit meiner Kindheit.
Was allerdings nicht daran liegen kann, dass mich die Texte damals sonderlich ansprachen. Ich fragte mich als Kind jedes Jahr, wer eigentlich Zion ist und wessen Tochter sie sein soll. Ich kannte kein Mädchen in der Bibel, das so hieß. Und der Text von "Maria durch ein Dornwald ging“ war mir seit jeher ein völliges Rätsel. Meine innere kindliche Zusammenfassung des Liedes war: Sie hatte es wohl nicht leicht, die Arme.
Ich singe diese Lieder immer noch sehr gerne. Weil sie mich wunderbar in Weihnachtsstimmung versetzen. Nicht etwa, weil sie mir inhaltlich nähergekommen wären (Was um alles in der Welt ist ein Dornwald, der kein Laub trägt? Und seit wann kommen Babys mit lockigem Haar auf die Welt?“)
Ein wohlig warmes Gefühl umfing mich.
Warm im wahrsten Sinne des Wortes. Ich versuchte mich so andächtig und leise wie möglich aus den obersten beiden Schichten meines Winteroutfits zu schälen. Der Energiekrise zum Trotz kochte die Bankheizung unter mir.
Gleichzeitig merkte ich, wie sich Müdigkeit in mir breit machte.
Der „wichtigste“ Teil, Heiligabend, war geschafft. Niemand war krank geworden, die Geschenke haben heil den Empfänger erreicht, das Essen war gelungen. Ich freute mich auf den 25., der traditionell der ruhigste meiner Feiertage war. Ausschlafen, spazieren gehen, Plätzchen essen. Die letzten Arbeitswochen abschütteln, die ebenso traditionell jedes Jahr die chaotischsten sind.
Und wie jedes Jahr fragte ich mich:
Wars das jetzt? War das die besinnliche und frohmachende Advents- und Weihnachtszeit 2023?
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe noch keinen „Modus“ gefunden, der mich irgendwie so auf Weihnachten einstimmt, dass ich am 24. nicht wieder überrascht in der Kirche sitze.
Natürlich hat es an weihnachtlichen Veranstaltungen nicht gefehlt: Weihnachtsmarktbesuche, Schrottwichteln mit dem Hauskreis (i💛 it), Familien-Plätzchenbacken, diverse Weihnachtsfeiern mit den Kolleginnen etc.
Alles sehr schön. Aber worum geht es bei diesen Dingen?
Familie, Plätzchen, Gemütlichkeit, Alkohol, Lichter und Kerzen, Konsum…und vor allem Tradition.
Ich habe nicht das Gefühl, dass diese Anlässe mit der Weihnachtsbotschaft mein Herz erreichen.
Im Gegenteil.
Nicht, dass diese Dinge an sich schlecht wären. Aber ich finde es manchmal sehr paradox, dass wir uns an jeder Ecke eine besinnliche Adventszeit wünschen und uns gleichzeitig so viele Aktivitäten schaffen, dass wir uns selten so gestresst und beschäftigt fühlen wie in diesen Wochen.
Alle paar Tage einen adventlichen Input im Abreißkalender zu lesen, ändert bei mir daran nicht viel.
Dabei ist doch die eigentliche Frage:
Was bedeutet Weihnachten über diese vier Wochen hinaus für mein Leben? Was hat mir das zu sagen, wenn wir von Freude, Friede und Liebe singen?
Vielleicht geht es mir einfach zu gut für Weihnachten.
Um dem Weihnachtsgeschehen nachzuspüren müsste ich vielleicht schwer beladen und ohne Unterkunft für die Nacht über die Dörfer ziehen und hoffen, dass mich irgendwer reinlässt. Ich müsste die Nacht auf dem Boden in einem Streichelzoo verbringen und mal sehen, wie viel das mit Lichtern & Gemütlichkeit zu tun hat.
Das werde ich meiner Familie für nächstes Jahr mal vorschlagen.
Ich habe daher beschlossen, dass es nicht so sehr um meine weihnachtlichen Gefühle geht, die ich versuche zum Ende des Jahres für vier Wochen zu kultivieren. Es ist eigentlich ziemlich egal, wie besinnlich und familiär ich mich fühle, wenn Weihnachten keine weitreichenderen Auswirkungen auf mein Leben hat, als dass ich spätestens zu Heilig Drei Könige die Plätzchen leid bin und mir vornehme, in der Fastenzeit auf Zucker zu verzichten.
Ich muss mich nicht feierlich und friedlich fühlen, damit das Kind in der Krippe relevant für mich wird.
Anstattdessen halte ich beim Weihnachtseinkauf inne, während ich meinen Schal gegen den erstaunlich eisigen Wind zurechtzupfe und frage mich:
Wo würde Jesus die Adventszeit verbringen?
Bei denen, die sich den Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt nicht leisten können. Bei denen, die niemanden haben, mit dem sie die Weihnachtsfeiertage verbringen. Bei denen, die nicht wissen, ob ihr Kind den nächsten Advent noch erlebt. Bei denen, die „Frieden auf Erden“ in ihrem ganzen Leben noch nie erfahren haben.
Wie trägt mein Leben dazu bei, dass nicht nur die blinkenden Weihnachtsmänner und schwummrigen Lichterketten die Welt erhellen? Sondern, dass etwas vom Frieden und Licht Jesu‘ durch mich durchscheint?
Ich möchte besinnlich werden, nicht um mich über Geschenke unter dem Baum zu freuen (für die ich jedes Mal hart überlegen muss, was ich mir wünschen soll).
Sondern um mich als Beschenkte wahrzunehmen, die ich auf so vielen Ebenen bin und davon weiterzugeben.
Indem ich z.B. Weihnachtsgeschenke dort besorge, wo sie nicht noch mehr zu Unfreiheit und Ausbeutung beitragen. Indem ich einer alten Bekannten, die gerade mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat eine Karte und meine Gebete schicke. Indem ich einem anstrengenden, aber einsamen Verwandten beim Familientreffen wirkliches Interesse und Aufmerksamkeit entgegenbringe.
Ich möchte Weihnachten als Auftakt sehen, um all dem wieder neu nachzuspüren.
Um mich für das kommende Jahr auf das auszurichten, was Jesus in diese Welt bringen wollte.
Um mich dafür aufmerksam und empfänglich zu machen, wo ich im Kleinen und Großen dem Unfrieden, der Kälte und der Lieblosigkeit etwas entgegensetzen kann.
Nur soll es eben nicht am 06.01. erlöschen, wie die Lichterketten, die wieder für 11 Monate im Keller verschwinden.
Wie wirkt Weihnachten bei dir über diese Wochen hinaus in dein Leben?